Bildung ist Therapie

Schmerz ist ein emergenter Prozess

Samstag, 16. April 2022

Geschrieben von: Markus Müller, Physiotherapeut, Manualtherapeut OMT

Aus Bereichen, wie dem naturwissenschaftlichen Unterricht, ist uns bekannt, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben neues Wissen zu verstehen, wenn dies emergente Eigenschaften beinhaltet. Wenn man Schmerzen verstehen will ist es aber wichtig emergente Prozesse verstehen zu können, da der Schmerz selbst als emergent angesehen werden kann.


Info:

Emergent = Durch Zusammenwirken mehrerer Faktoren unerwartet neu auftretend, entstehend. Mentale Gehirnfunktionen gelten zum Beispiel als emergent.


Neue Muster treten häufig überraschend auf, wenn eine Ansammlung von Individuen, auf komplexe Weise, miteinander interagieren. Beispiele für solche Individuen können Wassermoleküle, Insekten, Menschen, Autos oder Nervenzellen sein.

Muster oder Phänomene, die sich aus einer kollektiven Aktivität ergeben, können

  • eine Schneeflocke aus Wassermolekülen,
  • ein Insektenschwarm aus einzelnen Insekten,
  • eine Menschenmenge während eines Musikfestivals im Sommer,
  • ein Stau aus einzelnen Autos
  • oder ein Gedanke aus Gehirnzellen sein.

Schmerz kann als ein emergenter Prozess angesehen werden, der sich aus der kollektiven Aktivität von Zellen ergibt, insbesondere, aber nicht beschränkt auf diejenigen im Gehirn. Damit Du Schmerz und andere Phänomene wie Liebe und Wut verstehen kannst benötigst Du ein Wissen darüber, was einen emergenten Prozess ausmacht.

Ein paar einzelne Nervenzellen die feuern bedeuten vielleicht nicht viel, aber wenn Millionen Nervenzellen in einem komplexen dynamischen Muster feuern, entstehen Gedanken und Bewegungen und möglicherweise Schmerzen.

Eine Ameise auf der Westseite des Ameisenhügels weiß wahrscheinlich nicht was seine Ameisenfreunde auf der Nordseite gerade tun aber die gesamte Konstruktion des Ameisenhügels funktioniert und das finde ich wirklich sehr erstaunlich.

Im Gegensatz zu emergenten Mustern haben lineare Muster ein dominantes auslösendes Ereignis und die aneinandergereihte Natur bedeutet, dass etwas passieren und möglicherweise abgeschlossen werden muss, bevor der nächste Schritt stattfinden kann. Diese Muster mit linearen Merkmalen sind einfach zu verstehen.

Wenn jemand eine einzelne Ursache für sein Schmerzproblem sucht, scheinbar findet und dieses beschuldigt, ist das ein sicheres Zeichen für ein Denken in linearen Mustern. Zum Beispiel gibt ein Patient für seine seit Jahren anhaltenden Rückenschmerzen einen Bandscheibenvorfall von vor 3 Jahren an, der in der Zwischenzeit mit Sicherheit verheilt sein wird. Das ist klassisches lineares Denken.

Im Gegensatz dazu folgende Aussage:

 "Ja, ich weiß, dass ich mir eine Bandscheibe verletzt habe, aber mein Vater ist ein Pflegefall, die Kinder treiben mich in den Wahnsinn, mein Auto ist kaputt gegangen und ich hatte in den letzten Jahre viel Stress mit meiner Arbeit - zum Glück ist meine Frau so ein Juwel"!

Diese Aussage deutet auf eine emergente Wertschätzung der Erfahrung hin.

Stau, Kuchen, Schneeflocken und Schmerz.

Warst du jemals im Stau, bist wie eine Schnecke gefahren und hast nach der Ursache gesucht? Aber irgendwann, wenn der Stau dahinschmilzt und Du dich wieder bewegst, fällt Dir auf das es scheinbar keinen Grund für den Stau gab - kein Loch in der Straße, kein Abschleppwagen, keine Polizeiautos und keine Krankenwagen. Staus können ein Eigenleben haben - sie entstehen und verschwinden wieder.

Was ist mit einer Schneeflocke? Jede Schneeflocke ist ein Unikat, ihre schöne Form und Struktur ist so individuell wie ein Fingerabdruck oder eine DNA. Und doch gab es keinen Plan für die Schneeflocke, kein Muster, keine Anweisungen - es passierte einfach als winzige Wassertropfen, die im Wind wehten, ineinander krachten und gefroren.

Auch ein Kuchen passiert einfach. Du benötigst separate Zutaten wie Mehl, Eier, Milch, Butter, Schokolade, vielleicht einen Hauch Vanille, mischt sie zusammen, gießt alles in eine Form, schiebst es in den Ofen und "voila!", ein köstlicher Kuchen! Der Kuchen der aus dem Ofen kommt ist etwas ganz anderes als die Mischung die in den Ofen kam. Vielleicht ist diese erstaunliche Verwandlung der Grund dafür warum Kinder so gerne backen - die Aufregung und Überraschung wenn Sie den Kuchen zum ersten Mal sehen und riechen lässt nie nach.

Das sind alles Beispiele für Dinge die auftauchen - oft überraschende Dinge, die einfach zu passieren scheinen, wie Liebe. Es gibt bestimmte Merkmale von aufkommenden Dingen, die ihnen ihre überraschende Natur verleihen. Eine Möglichkeit diese Merkmale zu verstehen besteht darin, sie mit Dingen zu kontrastieren, die nicht einfach auftauchen. Beispiele für Dinge, die linearer sind, sind der Wasserfluss durch Rohrleitungen, der Motor eines Autos und unser Verdauungssystem.

Schmerz ist aber emergent!

Viele Menschen gehen fälschlicherweise davon aus, dass ihr Schmerz linear ist - dass der Schmerz nach einer Verletzung in einem Muskel oder Gelenk beginnt und dann ein Schmerzsignal an das Gehirn gesendet wird, wo es in einem speziellen Schmerzzentrum ankommt und registriert wird. Diese Vorstellung ist falsch!

Wir wissen jetzt, dass Schmerz ein emergentes Phänomen ist - es gibt kein Schmerzzentrum im Gehirn. In Wirklichkeit  gibt es hunderte von Gehirnteile, die alle gleichzeitig arbeiten, wenn Du Schmerzen hast. Die verschiedenen Teile machen alle ihr eigenes Ding ohne Gesamtplan - einige erhöhen möglicherweise die Gefahrensignale, während andere die Gefahrensignale verringern. Die aufkommende Schmerzerfahrung ist die beste Vermutung Deines Gehirns darüber welche Schutzleistung gerade, im Augenblick, am besten geeignet ist.

Eine andere Sache die wir über aufkommende Prozesse wissen ist, dass man das Ganze nicht verstehen kann, wenn man nur einen Teil betrachtet. Du kannst einen Stau nicht verstehen, wenn Du auf das Lenkrad eines Autos schaust. Du kannst einen Kuchen nicht verstehen, wenn Du Butter und Mehl betrachtest. Du kannst Schmerzen nicht verstehen, wenn Du nur auf eine einzelne Struktur (Gelenk, Muskel, Faszie…) schaust. Schmerz kann man nur dann verstehen, wenn man ihn als einen emergenten Prozess betrachtet. Er betrifft den gesamten Menschen, das Gehirn, das Nervensystem und anderen Systeme des Körpers, die Gedanken und Überzeugungen, die Dinge die man tut, die Dinge die man sieht und hört, die Orte an die man geht und sogar die Menschen in unserem Leben.

Der Schutzgrandmesser (Protektometer) und die sieben Kategorien von Gefahren (DIMs) und Sicherheiten (SIMs) in uns bieten eine sehr aufstrebende Sichtweise auf Schmerzen.

Dazu demnächst mehr!

Kommentar verfassen:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.